Balsam für die Seelen

Der Begriff „Seele“ hat vielfältige Bedeutungen. Im Gespräch mit Ulrike Lübbert, Hospiz-Leiterin in Bethel, versuchen wir uns dem Wort zu nähern und erfahren dabei auch, was „Seelenarbeit“ für andere und sich selbst sein kann. Ulrike Lübbert, erzählt über die besondere Atmosphäre in Hospizen und über ehrenamtliche Mitarbeit in diesen Häusern – und natürlich in der Religion.

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus

"An die Existenz einer Seele zu glauben, macht Dinge begreifbar, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen, und schmälert die Angst vor dem Tod. Ist das in einem Hospiz spürbarer als anderswo? Zum Seelen-Begriff gibt es eine schöne Strophe in dem Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“ Diese Strophe steht in unserem Abschiedszimmer im Kinderhospiz auf einer Stele. Sie gibt ganz gut wieder, was wir in den Hospizen oft erleben. Bei uns sterben immer wieder Menschen. Und jedes Mal herrscht dann eine besondere Atmosphäre im Haus. Da ist oft noch eine Präsenz zu spüren, auch wenn der Mensch medizinisch gesehen nicht mehr lebt. Das kann man mit Worten nicht gut beschreiben. Man hat in diesen Momenten den Eindruck, dass mit dem Tod nicht unbedingt Schluss ist. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass so etwas wie eine Seele existiert."

Interviewer: "Gibt es spezielle Situationen, an denen Sie das festmachen?"
Ulrike Lübbert: "Wir erleben viele Situationen, in denen es irgendwie um die Seele eines Menschen geht oder gehen könnte. Wenn Angehörige nach dem Tod das Fenster öffnen zum Beispiel, was sehr oft vorkommt. Oder wenn das im Gesicht ablesbare Leid eines Menschen unmittelbar nach dem Tod verschwunden zu sein scheint. Plötzlich glaubt man zu erkennen, dass da jemand eine Schwelle überschritten hat – und darüber erleichtert ist. Das Gegenteil kommt aber auch vor: Jemand schließt mit dem Leben ab, regelt noch alles bis ins kleinste Detail und dann überwiegt zum Schluss trotzdem die Angst."

Interviewer: "Welche Rolle spielt dabei die Religion?"
Ulrike Lübbert: "Nicht die, die man zunächst vielleicht vermutet. Aus einer früheren Umfrage wissen wir, dass viele Menschen, die zu uns kommen, mit Religion und Kirche nach eigenem Bekunden nicht viel zu tun haben. Das sagt selbstverständlich nichts über den wirklichen Glauben aus. Da kann trotzdem etwas im Innern schlummern, was dann in den letzten Tagen des Lebens zum Vorschein kommt. Generell kann man aber sicher sagen, dass das Sterben einfacher ist, wenn man gläubig ist – vor allem auch für die Angehörigen. Hospizarbeit hat eine starke ehrenamtliche Facette. Warum wollen sich so viele Menschen speziell in diesem Grenzbereich zwischen Leben und Tod engagieren? Vielleicht wegen des existenziellen Charakters. Ich mache etwas total Sinnvolles, das mit dem Grundlagen des menschlichen Seins zu tun hat und bei dem ich mich vollkommen zurücknehmen kann, aber trotzdem etwas zurückbekomme. Das ist etwas sehr Dankbares. Es ist also „Seelenarbeit“ im doppelten Sinne: Die Ehrenamtlichen, genauso wie die Festangestellten, kümmern sich einerseits um das Seelenwohl der Hospiz-Gäste, bekommen aber andererseits auch sehr viel positive Resonanz von denen, mit denen sie sich beschäftigen. Das wiederum wirkt dann wie Balsam für die eigene Seele. Das hat tatsächlich genau diese zwei Seiten. Die Ehrenamtlichen bringen etwas ein, was sie gut können, ohne als Ersatz für unsere hauptamtlichen Kräfte zu dienen. Das hilft den Gästen und uns. Das schafft aber auch bei denen, die sich so engagieren, ein gutes Gefühl, das dann noch durch die positiven Reaktionen der Hospiz- Gäste verstärkt wird. Das alles trifft natürlich nicht nur auf die ehrenamtliche Arbeit in Hospizen zu. Das gilt für sehr viele Ehrenämter, ob in Alten- und Pflegeheimen oder anderswo."

Interviewer: "Wie wird man Ehrenamtler im Hospizbereich? Muss man schon eine bestimmte Einstellung mitbringen?"
Ulrike Lübbert: "Das zwar nicht, wir schauen aber schon etwas genauer nach der Motivation. In ausführlichen Vorbereitungskursen werden die Interessenten dann mit den wesentlichen Aspekten vertraut gemacht. Die Arbeit wird zusätzlich durch regelmäßige Treffen begleitet. Der eine oder andere braucht zwischendurch auch mal eine Pause, wie sich gezeigt hat. Auch das ist natürlich möglich und spricht nicht gegen den Betreffenden."

Wer an einer ehrenamtlichen Mitarbeit in den genannten beiden Hospizen in Bethel interessiert ist, erhält hier Infor-mationen: Petra van Lay, Koordinatorin und Teamleitung im Hospiz, E-Mail petra.van.lay@hospiz-ev-bethel.de, Tel. 0521 144 4244, oder Marion Bögeholz, Koordinatorin für Einsätze von Ehrenamtli-chen im Kinderhospiz, E-Mail marion.boegeholz@evkb.de, Tel. 0521 772 77119.

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